Kopierdienstleistungen als neuer Vertriebsweg bei Großkunden (Hochschulen)

Version 1.2.1, 17.05.2004

Hauke Laging, hauke@laging.de, Tel.: 030/32603660, mobil: 0172/7630883

Übersicht


zum Autor zur Übersicht

Ich bin Student an der TU Berlin und arbeite dort als (IT-)Hiwi. Daher habe ich meine Eindrücke, die zu der folgenden Idee führten. Ich habe sie auch mit einem der wissenschaftlichen Assistenten besprochen, um grobe Schnitzer ("gibt es schon lange") oder Denkfehler auszuschließen. Da die Idee nicht sinnvoll von einem einzelnen Verlag umzusetzen ist, habe ich mit mehreren gesprochen. Die Idee ist dabei bisher nur positiv aufgenommen worden, wenn natürlich jeweils mit bestimmten Bedenken, die aber in diesem Dokument behandelt werden. Auch ein Gespräch mit dem Betreiber eines geeigneten Copyshops hat keine erkennbaren Probleme in der Realisierung aufgeworfen, dafür aber die Bereitschaft zur Teilnahme an einem Pilotprojekt aufgezeigt..

Ausgangslage zur Übersicht

An den deutschen Hochschulen (und möglicherweise an anderen Institutionen) wird in riesigen Mengen aus wissenschaftlicher Literatur kopiert. Mit der gegenwärtigen Situation können beide Seiten – Verlage und Hochschulen – schon aus finanziellen Gründen nicht zufrieden sein. Die Verlage werden lediglich mit der vernachlässigbaren Kopierergerätepauschale an der Verwertung beteiligt, und die Hochschulen zahlen für eine im Zweifelsfall zwar nicht schlechte, aber deutlich suboptimale Leistung eine Menge Geld. Denn es sind ja nicht alleine die Kosten für Kopierer (ist sowieso vorhanden) und Papier. Den größten Teil der Kosten dürfte die Arbeitszeit der studentischen Mitarbeiter sein, die dort zeitaufwändig Seite für Seite kopieren müssen (Kostenfaktor), dabei zumindest dem Risiko ausgesetzt sind, mal Seiten auszulassen, und oftmals, vor allem bei dicken Büchern, auch nur suboptimale (graue Streifen am Rand der Bindungsseite) Ergebnisse zu produzieren – ganz zu schweigen von Büchern in ungünstigen Formaten (Qualitätsfaktor). Hinzu kommen gelegentlich Qualitätsverlust (Wartezeit) und Mehrkosten (Arbeitszeit) durch Recherche (wo gibt es das Buch) sowie die indirekten Kosten durch die Buchbeschaffung durch die Bibliotheken (Arbeitszeit der Mitarbeiter dort usw.) und die Abholung/Rückgabe in der Bibliothek durch studentische Hilfskräfte.

ein neues Modell zur Übersicht

Eine Alternative Lösung zum status quo wäre das Angebot einer Kopierdienstleistung durch die Verlage (oder zumindest deren Organisation). Die technische Voraussetzung wäre, dass von möglichst vielen Büchern Daten vorliegen, die zum Ausdruck geeignet sind.

Die Verlage sollten nun den Aufbau einer Infrastruktur ermöglichen und vorantreiben, die es den Mitarbeitern der Universität erlaubt, komfortabel und schnell über eine Hochschul-interne Webseite zu recherchieren, ob das gewünschte Buch auf diesem Weg zur Verfügung steht, und dann – mit der Möglichkeit der Einsicht des Inhaltsverzeichnisses – die Seiten und/oder Kapitel anzugeben, die sie kopiert/ausgedruckt haben möchten. Die Kopien würden dann ganz normal mit der Hauspost verteilt.

In diesem Modell würden die Verlagen nicht mehr (nur) über die Pauschalabgaben, sondern pro kopiertem Blatt an der Verwertung beteiligt. Entscheidend ist, dass sie Gesamtkosten dieser Lösung trotz des höheren Blattpreises durch die Zusatzabgabe an die Verlage für die Hochschulen deutlich unter denen des status quo lägen.

generierbare Umsätze zur Übersicht

Welche Umsätze mit diesem Modell zu erzielen wären, hinge von zwei Faktoren ab:

  1. dem Kopiervolumen

  2. dem Seitenpreis

Das Kopiervolumen kann ich nicht brauchbar abschätzen, ich halte es aber für gewaltig. Daher führe ich es auch in der Rubrik offene Fragen auf. Der Seitenpreis muss so gestaltet sein, dass das Angebot für die Nutzer noch interessant ist. Ich wurde in einem Gespräch darauf hingewiesen, dass dieser Preis wohl bundesweit einheitlich sein müsste. Das wäre schade, weil die Einsparungen der Hochschulen von den Tarifen für studentische Hilfskräfte abhängen – und die schwanken stark.

Des weiteren ist zu berücksichtigen, dass der Einspareffekt der Hochschulen mit dem Kopiervolumen pro Buch abnimmt, da die übrigen Kosten (Beschaffung und Rückgabe) natürlich konstant blieben. Dem könnte man – soweit rechtlich machbar – sehr gut über einen Mengenrabatt begegnen: Der Seitenaufpreis würde geringer, wenn aus einem Buch mehr kopiert würde. Das käme dem Ziel entgegen, auf jeden Fall zu vermeiden, dass das Angebot nur für bestimmte Kopiervolumina interessant ist. Der Grundgedanke der Idee ist ja, möglichst das gesamte Kopiervolumen der Hochschulen abzuschöpfen. Insofern wäre es unsinnig, etwa den Buchpreis zugrundezulegen, einen Abzug für die qualitativen Einschränkungen der Kopie vorzunehmen und das Ergebnis als Ziel für den Aufpreis für die Kopie eines ganzen Buches zu nehmen. Dieser Ansatz kann nur scheitern, weil die Hochschulen wieder kopierten, wenn der geforderte (Auf-)Preis zu hoch wäre.

Da es vermutlich keinen Einheitspreis gäbe, könnte die "Preis-Reaktions-Funktion" der Hochschulen relativ leicht dadurch ermittelt werden, dass nach der Einführungsphase einzelne Titel mit höheren Preisen versehen würden. Dies wäre – generell, also abseits von Testzwecken – insbesondere für Bücher kleiner Auflagen interessant, die mit hoher Wahrscheinlichkeit bei der Hochschule nicht vorhanden oder im Präsenzbestand der Bibliothek sind. In dem Fall hätte der Nutzer nämlich entsprechend häufig einen Zeitvorteil in der Beschaffung. Im Zeitablauf ist außerdem zweierlei zu bedenken:

Voraussetzungen und Kosten zur Übersicht

Die technischen Voraussetzungen wären wie folgt:

  1. Es müsste einmalig eine geeignete technische Plattform entwickelt werden. Der Aufwand wäre gering, da das Vorhaben technisch nichts Neues erfordert.

  2. Die Inhalte müssten bereitgestellt werden – und dauerhaft um die Neuerscheinungen ergänzt werden. Dafür müsste für jedes Buch zumindest ermittelt werden, welche Seiten das Inhaltsverzeichnis umfasst. Dieser Punkt ist mit mit Abstand der schwierigste. Allerdings steht ein Teil der relevanten Daten schon in geeigneter Weise zur Verfügung, weil sie im Rahmen anderer Geschäftsmodelle schon verwertet werden.

  3. Jeder beteiligte Copyshop benötigte einen Standardrechner, der ans Internet und das Kopiersystem angeschlossen wird, Aufträge von dem berechtigten Rechner aus dem Hochschulnetz bekommt, die Abrechnung übernimmt und Druckaufträge für das Kopiersystem erzeugt.

  4. Jede beteiligte Hochschule bräuchte zwei Rechner in ihrem Netz: einen Standardrechner, der die Verteilung der Druckaufträge an die angeschlossenen Copyshops übernimmt und einen hochschulspezifisch modifizierten, über den die Hochschule ihr internes Abrechnungs- und Berechtigungssystem integriert. Das beinhaltete sicherlich, dass die Besteller eine Kennung für ihren Lehrstuhl einzugeben hätten (einmalig, das könnte man über Cookies regeln) und überprüft würde, ob der fragliche Rechner Bestellungen über das jeweilige Konto auslösen dürfte.

    Den Rechner zum Sortieren und Verteilen der Druckaufträge könnte man sich eigentlich auch sparen, diese Aufgabe könnte ein zentrales System erledigen. Die hochschulspezifischen Rechner hätten viel Ähnlichkeit miteinander. Wichtig wäre, das System so zu gestalten, dass es mit minimalem Aufwand einsetzbar wäre, wenn die Hochschule keine großen Änderungen wünscht, aber es gleichzeitig so offen zu halten, dass die Hochschule bei Bedarf eine eigene Lösung (Benutzerschnittstelle) entwickeln kann, ohne dafür technische Umwege gehen zu müssen. Die Sortierfunktion würde die Kopieraufträge nach logistischen Kriterien ordnen, so dass die Hauspost der Hochschule sie aufwandsminimal zustellen kann.

Die Investitionskosten für Hochschulen und Copyshops lägen also in der Größenordnung der Anschaffung eines guten Rechners – zuzüglich Personalaufwand zur Einbindung ins vorhandene System. Alles in allem harmlos, die eigentlichen Beteiligungshürden liegen woanders.

Vertragsverhältnisse

Die Hochschulen werden sich nicht darauf einlassen wollen, mit mehreren Copyshops abzurechnen, denen jeweils "nach dem Zufallsprinzip" Druckaufträge vom System zugewiesen wurden. Der Verlage müssten hier also als Mittler auftreten. Das ist insofern etwas unerfreulich, als die Verlage Geld bewegen müssten, von dem wohl nur der kleinere Teil aus eigenen Forderungen bestünde, aber ein Hinderungsgrund wäre das natürlich nicht.

Unter Berücksichtigung der sich aufdrängenden Erweiterung auf Studenten (siehe Ausbaumöglichkeiten) wären die Copyshops in der ungewöhnlichen Situation, den Verlagen die von den Unimitarbeitern bestellten Kopien in Rechnung zu stellen, aber andererseits von den Studenten zu kassieren und davon den Verlagsanteil abzuführen.

Vorteile / Chancen zur Übersicht

Für die Nutzer

Die Nachfrager kämen

an ihre Kopien.

Für die Anbieter

Verwertungsbeteiligung

Die Verlage (und Urheber) würden endlich in angemessener Weise an der Verwertung beteiligt. Es bestünde eine erhebliche Chance, dass in größerem Umfang direkt und indirekt kopiert würde: direkt, weil es so viel bequemer geworden wäre. Wegen der indirekten Effekte siehe Abschnitt Ausbaumöglichkeiten/Angebot für Studenten.

Kooperationspartner

Dieses Angebot kann sinnvollerweise nur in Kooperation mit Copyshops angeboten werden, die sich sowieso direkt am Unicampus befinden und (zumindest teilweise) über geeignete Technik bereits verfügen oder sie bei Verträgen mit entsprechenden Laufzeiten zumindest auf eigene Kosten und eigenes Risiko beschafften. Die Alternative wäre eine hohe Investition in einen Bereich, in dem die Verlage vermutlich über wenig Know-How verfügen. Dies dürfte sich nur in Ausnahmefällen lohnen.

Vermarktung

Als Ansprechpartner für die Vermarktung kämen die Hochschulleitungen zum Tragen. Es müssten "lediglich" die Verantwortlichen in der Verwaltung und der Universitätsleitung davon überzeugt werden, dass damit erhebliche Einsparpotentiale realisiert und gleichzeitig noch die Qualität von Forschung und Lehre (geringfügig) verbessert werden können. Diese Stellen würden die Nutzung des Systems dann hochschulintern aus eigenem Antrieb durchsetzen. Vielleicht wäre es bei einem derartigen, deutschlandweit angelegten Projekt sogar praktikabel und hilfreich, gleich bei der Politik anzusetzen, die dann die Hochschulen eines ganzen Bundeslandes verpflichten oder drängen könnte, das zu nutzen (ob sich ein Kultusministerium dafür hergibt, ist natürlich eine andere Frage, aber entsprechende Kontakte könnten nicht schaden).

Sobald die Hochschule zugesagt hat, fänden sich auch problemlos Partner vor Ort (Copyshops). Kritisch wäre nur die Übernahme eines eventuellen Investitionsrisikos, vor dem Hintergrund, dass die Hochschule bei schlechten Erfahrungen von dem System Abstand nehmen könnte. Es sollte aber kein relevantes Problem sein, Copyshops als Partner zu finden, die über eine geeignete Technik bereits verfügen.

Zentraler Rückgriff über Internet

Aus Kostengründen würde man nicht alle Daten an jeder Kopierstation vorhalten. Statt dessen würden die am häufigsten benötigten Daten lokal gespeichert (je nach verfügbarem Platz) und die selten benötigten über Internet nachgeladen. So könnte man überall das komplette Angebot nutzen, ohne die Hardwarekosten sinnlos in die Höhe zu treiben. Wenn doch in hohem Umfang Daten übertragen werden müssten, könnte man die Kosten womöglich dadurch reduzieren, dass man diese Übertragungen zu günstigen Zeiten (in der Nacht) durchführt; bei dem bundesweit anfallenden Gesamtvolumen sollten entsprechende Vereinbarungen mit Providern möglich sein.

ausländische Literatur

Natürlich greifen die Hochschulen auch viel auf ausländische Literatur zurück. Es wäre zu prüfen, ob es sich lohnt, geeignete Vereinbarungen mit großen ausländischen Verlagen zu treffen, so dass auch deren Werke von dem System abgedeckt werden könnten.

Nachteile / Risiken zur Übersicht

Für die Nutzer

In seltenen Fällen (Buch direkt greifbar, studentische Hilfskraft gerade verfügbar, "Tagesdeadline" für die Bestellungen überschritten) wäre die Kopie erst einen Tag später als im herkömmlichen System verfügbar. Das ist aber kein praxisrelevantes Problem, weil dann ggf. wie gehabt kopiert würde.

Der Umfang der Hauspost stiege nicht unerheblich an. Ob dadurch echte Mehrkosten entstehen, sei einmal dahingestellt.

Für die Anbieter

Kontrolle der Inhalte

Kein Verlag gibt seine Bücher gerne in digitaler Form aus der Hand. Hier besteht ein technisch zwar reduzierbares, aber nie ganz zu eliminierendes Risiko, dass Inhalte "außer Kontrolle" geraten. Das Ausmaß des potentiellen Schadens könnte dadurch stark reduziert werden, dass die Inhalte nur als Bilddaten herausgegeben werden. Ob dies praktikabel wäre, ist eine Frage des Verhältnisses der Speicherbedarfe beider Varianten. Die Wahrscheinlichkeit des Schadens ließe sich dadurch stark reduzieren, dass die Daten verschlüsselt lokal gespeichert und auch übertragen würden. Selbst ein Diebstahl der Anlage brächte dem Entwender dann nichts. Die Freischaltung würde nach dem Hochfahren des Systems übers Internet erfolgen. Da dies an eine feste Internetadresse gebunden wäre, ließe sich ein gestohlenes System nicht anderswo aktivieren. Auch könnte die Aktivierung auf die üblichen Geschäftszeiten begrenzt und nur nach telefonischer Rücksprache (o.ä.) durchgeführt werden. Eine Beschaffung der Daten wäre also nur unter ganz erheblicher und erkennbarer Kooperation des jeweiligen Copyshops möglich.

Zusammenschluss der Verlage

Damit ein solches Angebot für die Nutzer interessant ist, muss es umfangreich sein. Das bedingt den Zusammenschluss mehrerer Verlage unter einem Dach. Technisch und in der Abrechnung wäre diese Zusammenlegung trivial, organisatorisch nicht. Ein solcher Dienst müsste daher, damit sich genügend Verlage anschließen, an eine unabhängige Verwertungsstelle gekoppelt werden, wobei das für einen Feldversuch sicher noch verzichtbar wäre.

Entscheidend wird hier der Effekt sein, dass die Nachfrager das System irgendwann nicht mehr nutzen, wenn sie zu wenige Treffer bei der Suche nach Literatur erzielen. Wo diese Grenze liegt, ist unklar und vermutlich auch nur mit hohem Aufwand zu ermitteln.

Kernkompetenzen

Die Verlage stehen bisher auf einer anderen Wertschöpfungsstufe und haben mit dem Vertrieb wenig zu tun. Andererseits gilt, wenn sie es nicht machen, macht es niemand, und mit jeder verstrichenen Zeitspanne verlieren die Verlage Geld. Involviert wären die Verlage in dieses System in großem Umfang auch nur in der Aufbauphase. Daran anschließend beschränkte sich die Aktivität auf das Nachliefern der Daten für Neuerscheinungen und bis dahin noch nicht erfasste Literatur.

Investitionsaufwand und Risiko

Auch für einen Feldversuch bräuchte man auf jeden Fall eine zumindest in den Grundfunktionen funktionierende Software. Problematischer als die Erstellung dieser Software wäre wohl die Bereitstellung des Datenbestands. Auch für einen Feldversuch bräuchte man eine Menge Literatur, damit das Angebot irgendwie interessant für die Nutzer wird.

Natürlich wird eine Uni das System nicht nutzen, bevor die internen Voraussetzungen dafür geschaffen sind. Denkbar wäre aber eine einfache Liste berechtigter Benutzer, die die nötigen Abrechnungsdaten (d.h. wohl vor allem die Lehrstuhlzugehörigkeit) für jeden Nutzer enthält. Die Nutzer bekämen dann einfach ein Login und ein Passwort, über die sie die Bestellung auslösen könnten. Missbrauch wäre kaum zu befürchten, da dank der Direktauslieferung kein Angreifer davon direkt profitieren, sondern nur die Uni schädigen könnte.

Ausfall

Es müssten geeignete Vorkehrungen gegen einen Ausfall des Systems getroffen werden, weil dieser ganz erheblichen Unmut der Betroffenen auslöste. Denkbar wäre das Second-source-Prinzip, dass man sich also nie auf nur einen Anbieter vor Ort verließe. Das wiederum brächte das Problem mit sich, wie man die Aufträge verteilt. Das könnte aber einfach paritätisch nach Volumen erfolgen.

Qualitätsmanagement

Als übergeordneter Anbieter eines solchen Dienstes käme man nicht umhin, die Qualität der Anbieter vor Ort (vor allem die Lieferzeit) irgendwie zu überwachen oder zumindest einen Eskalationsmechanismus vorzusehen.

Buchsubstitution

Es besteht das – wenn auch eher theoretische – Risiko, dass dieser Dienst einen Teil der Buchverkäufe substituierte. Dieser Teil wäre aber deshalb sehr klein, weil auch heute schon kopiert werden kann. Lediglich der größere Komfort dieses Dienstes gegenüber dem klassischen Kopieren könnte in einigen extremen Fällen aus einer Buchkaufentscheidung im früheren Szenario eine Kopierentscheidung im neuen Szenario machen. Dies wird aber nicht ins Gewicht fallen.

Probleme zur Übersicht

digitale Verfügbarkeit

Zwingend erforderlich ist natürlich die Möglichkeit, einen großen Teil der heutigen und künftigen (die wohl eher komplett) Literatur mit wenig Aufwand digital so zur Verfügung zu stellen, dass sie ausgedruckt werden kann. Da die Daten nicht digital weitergegeben werden sollen, wäre man da ziemlich flexibel. Insbesondere wäre es nicht erforderlich, dass alle Werke im selben Format vorliegen.

Da dieses Projekt auf Dauer angelegt ist, wäre nicht entscheidend, dass heute schon ein Großteil der noch aktuellen Literatur verfügbar wäre, da dieser Anteil durch die hinzukommende Literatur schnell anwüchse. Das wäre auch für die Nutzer kein großes Problem, wenn sie beispielsweise wüssten, dass Literatur erst ab 2002 verfügbar ist, dann aber beinahe vollständig. Das System verliert seine Vorteilhaftigkeit nicht dadurch, dass während einer Übergangszeit ein – monoton fallender – Anteil der Literatur mangels Verfügbarkeit auf klassischem Wege kopiert wird.

Autorenverträge

Zu prüfen wäre, inwieweit die heutige Rechtslage typischer Autorenverträge mit dem vorgeschlagenen Dienst vereinbar wäre. Sollten diese Verträge in Zukunft angepasst werden oder in jüngerer Vergangenheit angepasst worden sein (bzw. die Rechtslage sich aus anderem Grund geändert haben), fänden die entsprechenden Überlegungen des obigen Abschnitts digitale Verfügbarkeit Anwendung.

Wechselwirkung mit Verlagsstrategien

Dieser Dienst kollidiert nicht mit Verlagsstrategien der digitalen Publikation (Abomodelle oder Pay-per-view). Der einfache Grund dafür ist der, dass der klassische Verkauf von Büchern nie aufhören wird und mit ihm die Anfertigung von Kopien nicht. Die Computertechnik hat das Versprechen des papierlosen Büros in den letzten 25 Jahren nicht eingelöst und wird das auch in Zukunft nicht, die Menschen mögen eben Papier. Solange aber Bücher kopiert werden, bietet der vorgeschlagene Dienst eine überlegene Umsetzung dieses Vorgangs. Außerdem ist für digitale Kopien eine höhere Vergütung angemessen als für analoge, so dass nicht nur wegen des gewünschten Zielmediums, sondern auch aus Preisdifferenzierungsgründen ein dauerhafter Markt für das vorgeschlagene Konzept besteht. Hinzu kommt des weiteren, dass viele Bezieher digitaler Kopien sich diese (teilweise) selber ausdrucken. Dies spart zwar Versandkosten, ist aber notwendigerweise immer teurer (vermutlich schon der Ausdruck alleine, ohne Berücksichtigung der Vergütung) als der vorgeschlagene Kopierdienst mit seinen Stückzahleffekten.

Der Kopierdienst und ein digitales Angebot können also dauerhaft koexistieren. Der Aufwand, ein Werk verfügbar zu machen, fiele dabei für beide Dienste zusammen nur einmal an, wenn man die Implementierung geschickt wählt. Deshalb sind Bedenken, der eine Dienst könne dem anderen Nutzer abjagen, unerheblich. Dem Anbieter sollte egal sein, in welcher Form der Kunde die Inhalte gerne hätte.

Wettbewerbsrecht

Der Verlagsverbund könnte aus wettbewerbsrechtlichen Gründen verpflichtet sein, mit jedem interessierten Copyshop zusammenzuarbeiten. Möglicherweise findet diese Vorschrift aber auch ihre Grenze darin, dass man die Hauspost der Hochschulen nicht verpflichten kann, sich ihr Transportgut bei vielen einzelnen Lieferanten zusammenzusammeln, denn natürlich erhöht jeder zusätzliche Lieferant den logistischen Aufwand. Reduzieren ließe sich dieses Problem auf die Art, dass die Copyshops jeweils die Druckaufträge für räumlich zusammenhängende Teile der Hochschule übernähmen (das regelte der Steuercomputer der Hochschule bzw. des Verlagsverbunds).

Technisch und organisatorisch wären zusätzliche Copyshops aber kein Problem. Einen zusätzlichen Anbieter einzubinden erforderte im wesentlichen, sein Standardsystem der verteilenden Instanz bekanntzumachen und den Verteilungsalgorithmus der Druckaufträge entsprechend anzupassen (irgendwie, in geeigneter Weise).

(gescheiterte) verwandte Projekte

Dass "ähnliche" Projekte gescheitert sind, hat nichts zu sagen. Beispiele, mit denen ich konfrontiert wurde:

  1. In Buchhandlungen wurde ein Kopiersystem aufgestellt.

    1. Andere Zielgruppe: Hier wurden – vermutlich – primär Personen angesprochen, die die Absicht hatten, ein Buch zu kaufen. Mein Konzept richtet sich an eine Zielgruppe, der der Kauf von Büchern definitiv zu teuer ist. Wer nur gelegentlich und für seinen persönlichen Bedarf Bücher kauft, legt sicher Wert auf das Äußere – wer will schon einen Zettelstapel im Regal neben seinen Büchern haben?

    2. Logistisch uninteressant: Die Lehrstühle haben Kopierer. Niemals würden die irgendwo hingehen, um sich etwas zu kopieren/ausdrucken zu lassen. Das wäre für sie schlechter als der status quo.

    3. Preissystem unbekannt: Ich weiß nicht, wie das Preissystem aussah. Ich hoffe auf die Einsicht der Verlage, dass der Aufpreis "kopierkompatibel" sein muss, weil nur die Wahl zwischen den entsprechenden und gar keinen (heutige Situation) Umsätzen besteht.

    4. Es wurden ganze Bücher ausgedruckt. Das Kopieren ganzer Bücher dürfte untypisch sein. Schon deshalb wird dieses System den Bedürfnissen meiner Zielgruppe nicht gerecht.

  2. heutige Kopierdienste mit postalischer Zustellung

    1. Das wäre ganz einfach schon im Transport viel zu teuer.

    2. In vielen Fällen würde man durch die Postlaufzeit einen Tag verlieren.

    3. Die Uni hätte einen gewaltigen Mehraufwand in der Haupost, wenn die Sendungen unsortiert ankämen. Denkbar wäre eine individuelle Anbindung der Hochschulen wie in meinem Modell, um das Sortierproblem zu lösen.

    4. In dieser Größenordnung sollte es sich lohnen, so etwas selber zu machen, anstatt lediglich einen Lizenznehmer zu suchen.

Einführung – Übergangszeit

Die Zeit- und Qualitätsgewinne kann eine Hochschule sofort realisieren, die Kosteneinsparungen aber ergeben sich aus den entsprechenden Stelleneinsparungen. Diese sind natürlich nicht schlagartig möglich, ganz abgesehen davon, dass die Hochschulen das Verfahren zunächst werden testen wollen. Das ist keine echte Hürde für die Einrichtung des Systems, aber man muss mit einer entsprechend langwierigen Einführungsphase rechnen. Viele Lehrstühle würde so lange weiterkopieren, bis ein entsprechender Arbeitsvertrag ausläuft. Die erzielten Umsätze stiegen also erst über den Zeitraum etwa eines Jahres bis auf ihr Maximum an.

offene Fragen zur Übersicht

Kopiervolumen

Die Frage nach dem Umfang des abschöpfbaren Kopiervolumens ist von großer Bedeutung, kann von mir aber momentan nicht einmal näherungsweise beantwortet werden.

Fazit zur Übersicht

Wie alle grundlegenden Neuerungen gäbe es auch diese nicht ohne Aufwand und Risiko. Diese erscheinen aber planbar, der Markt kann vorab im wesentlichen gut untersucht werden. Dem stehen dauerhafte Einnahmen gegenüber, zu deren Erzielung kein nennenswerter Aufwand mehr getrieben werden müsste.

Die Idee steht und fällt mit der Beteiligung der großen Verlage. Allerdings spricht nichts gegen dieses Angebot, da das Geschäft nicht verändert, sondern nur erweitert wird, lediglich zusätzliche Umsätze generiert werden. Wenn einige Verlage diesen Dienst ohne einzelne große beginnen und sich zeigt, dass diese in der anvisierten Weise zusätzliche Umsätze generieren, dann könnten sich die verbliebenen Großen dem nicht dauerhaft widersetzen.

Die bisherigen Kontakte zeigen eine hohe Bereitschaft auf Seiten der Copyshops und eine positive Einstellung dazu bei den Verlagen, wobei kleinere Verlage die Idee nicht aktiv verfolgen wollen, weil sie mangels Größe den Erfolg des Konzepts nicht beeinflussen können. Wenn sich große finden, wären sie aber dabei.


Ausbaumöglichkeiten zur Übersicht

Angebot für Studenten

Es bestünde die Chance, dass im Rahmen eines solchen Angebots nicht nur das Kopiervolumen der wissenschaftlichen Mitarbeiter (geringfügig) anstiege, sondern auch und vor allem das der Studenten. Alle Lehrstühle geben Literaturempfehlungen für ihre Veranstaltungen heraus, oft auf Kapitel oder Seiten begrenzt. Ich stelle mir vor, dass der Betreuer einer Veranstaltung mittels dieses Systems ein kleines Paket für seine Studenten schnüren kann, das es denen quasi auf Knopfdruck erlaubt, sich die ganze empfohlene Literatur kopieren zu lassen. Die Studenten bekämen dann eine Nummer o.ä., anhand derer die Kopierstelle das gesamte gewünschte Material identifizieren und produzieren könnte. Das wäre zwar mit Kosten verbunden, aber die Bibliothek hat nicht immer alles, kopiert werden muss da im Zweifelsfall auch und der Zeitaufwand fiele weg – mehr Zeit für den Nebenjob.

Zitierhilfen

Viele wissenschaftliche Mitarbeiter können ohne das bekannte Quellenverwaltungsprogramm Endnote gar nicht mehr arbeiten. Zusätzlich zum Kopierdienst könnte das System die entsprechenden Endnote-Dateien für ausgewählte Literatur erzeugen (nach und nach die Daten pro Buch einmal einzugeben, wäre für die Verlage auch kein Problem). Damit könnten bei geringem Aufwand die Nutzer durch den erheblichen Zusatznutzen (und die Einsparungen – die Studenten an den Lehrstühlen verbringen viel Zeit mit der Erfassung dieser Daten) noch stärker an das System gebunden werden.

Suchfunktion

Der Gedanke, an den Kopierdienst auch gleich eine Suchfunktion zu knüpfen, liegt nahe, allerdings birgt so ein Angebot Konfliktpotential: Wessen Einträge sind die ersten Antworten, wie geht man mit "Stichwortoptimierern" um usw.

Skriptenverkauf

Wenn es schon eine derartige zentrale Anlaufstelle auch für die Studenten gäbe, läge es nahe, den Lehrstühlen eine Möglichkeit an die Hand zu geben, ihre Skripte auf den Steuerrechner zu laden, so dass die Studenten sich auch ihre Skripte zentral besorgen könnten. So etwas rührt natürlich immer an Empfindlichkeiten, Stichwort Machtverlust usw., wird aber zumindest im Ausland bereits praktiziert und von den Studenten sehr geschätzt. Die Lehrstühle hätten aber nicht mehr den Aufwand mit der Abrechnung, nicht mehr das Problem zu vieler oder zu weniger gedruckter Exemplare und könnten sich zumindest zum Teil darauf einlassen, wenn sie nur die Kontrolle behielten, also etwa Skripte auch wieder sperren könnten. Sobald irgend jemand damit an der Uni vorangeht, würde der Druck auf die anderen sehr groß.

Mit dem Kopieren von Skripten haben die Verlage natürlich erst einmal wenig zu tun. Da allerdings eine Anbindung an dieses System großer Bekanntheit dem ausführenden Copyshop erhebliche Mehrumsätze brächte, könnten sie sich an diesen Umsätzen beteiligen – sie kontrollieren ja über den Steuerrechner den Eingang der Bestellungen.

Werbung

Es wäre ein leichtes, zusammen mit den normalen Kopien auch Werbung auszudrucken, etwa als Deck- oder Schlussblatt. Diese Werbung könnte natürlich permanent aktualisiert werden, sie könnte auch in Abhängigkeit vom jeweiligen Buch ausgegeben werden.


Änderungen am Dokument zur Übersicht

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